Gespräch mit Adrian Frieling in September 2017


„Nach vielen Jahren Krise ist die Theaterszene in Griechenland finanziell am Boden, und doch künstlerisch vital wie nie. Das Festival Off Europa zeigt derzeit im Dresdner Societaetstheater Arbeiten freier griechischer Theatermacher. Unter anderem zu Gast ist der deutsche Schauspieler Adrian Frieling, der seit 1998 in Athen lebt.“
Das Gespräch führte Johanna Lemke im September 2017 für die Sächsische Zeitung

Herr Frieling, können Sie das Wort Krise noch hören?
Natürlich. Wir sollten unbedingt über die Krise sprechen, sie ist ja einer der Gründe, warum sich die Theaterlandschaft in Griechenland verändert. Die Gehälter für Schauspieler sind in den letzten Jahren stark eingebrochen. Viele können kaum noch davon leben. In Griechenland gehen vom Gehalt nicht bloß nette 40 Prozent an Steuern und Versicherung wie in Deutschland ab - sondern 80 Prozent. Da bleibt nicht viel übrig. Darum spielen viele Schauspieler umsonst oder lassen nach der Vorstellung den Hut herumgehen.

Adrian Frieling Don Juan 2017 © Efi Gousi
Adrian Frieling in „Don Juan“, 2017, Regie: Michail Marmarinos © Efi Gousi

Die öffentlichen Fördertöpfe sind leer, viele Theater mussten in den letzten Jahren schließen. Dennoch entstehen an die 1.500 Inszenierungen pro Saison in Athen. Wie kommt das?
Jeder geht mit extremen Situationen anders um. Künstler reagieren durch ihre Arbeit. Darum wird derzeit viel komponiert, inszeniert, ausgestellt. Kunst zu machen ist ein Befreiungsschrei der Seele. Allerdings gibt es in Griechenland auch eine unerträgliche Bürokratie. Man bekommt sehr schwer offizielle Genehmigungen für Theaterräume. Vieles spielt sich daher illegal ab.

Illegal?
Ja, Vorstellungen finden in Wohnungen oder leeren Fabriken statt. Es gibt in Athen ja viel Leerstand. Da es durch die Auflagen der Troika und Finanzaufsicht kaum möglich ist, ein Konto zu eröffnen oder eine Firma zu gründen, lässt man den Hut herumgehen. Obwohl es auch dann passieren kann, dass einer von der Steuerbehörde reinkommt und das Geld beschlagnahmt.

Sie leben seit fast 20 Jahren als Schauspieler in Athen. Können Sie noch davon leben?
Ich habe einen Vorteil: Ich bin der einzige männliche deutsche Schauspieler in Athen. Ich kriege viele Rollenangebote aus Film und Fernsehen - meistens spiele ich in Uniform. In der Uniform. Deutsche Schauspieler im Ausland spielen nun mal die Nazis. Ich arbeite aber auch viel in der Freien Szene. Wie die meisten Schauspieler habe ich mehrere Jobs gleichzeitig. Tags über probe ich für verschiedene Produktionen und habe abends eine Vorstellung - das ist ganz normal. 14- bis 16-Stunden-Tage sind Usus unter Künstlern. Viele gehen nebenher noch kellnern.

Adrian Frieling vor dem Green Park © Knut Geißler
Adrian Frieling vor dem ehemaligen Restaurant Green Park, heute Kulturzentrum © Festival Off Europa / Knut Geißler

Dennoch geht eine große Energie von der griechischen Theaterszene aus. Wie kommt das?
Man kann das mit der Energie zur Vorwendezeit in der DDR vergleichen. Alles ist im Wandel. Die Zuschauer haben eine ungeheure Neugier. Es werden Formen ausprobiert, die es vorher gar nicht gab. Die Theaterszene verändert sich, die Formen verändern sich. Theater wird physischer, performativer, Genregrenzen verschwimmen.

Das ist auch bei den geladenen Inszenierungen beim Off Europa-Festival sehr deutlich. Was sind denn die Themen griechischer Theatermacher?
Auf keinen Fall die Krise! Wenn Theaterleute behaupten, ein Stück über die Krise zu machen, etwa anhand eines Tschechow-Stoffs, ist es meist ein unerträgliches Melodram. Das ist einfach eine Modeerscheinung, genauso wie es in den letzten Jahren viele Inszenierungen über Flüchtlinge gab. Die spannenderen Inszenierungen sind die, die Künstler über sich selbst machen. Man versucht eben, nicht depressiv zu werden, sondern die Situation zu verarbeiten, indem man die Situation thematisiert.

Klingt etwas nach narzisstischer Selbstbespiegelung...
Ein Quäntchen Narzissmus hat Theater immer. Und wenn sich der Betrachter darin wiederfindet, ist es ja auch nicht mehr narzisstisch - dann macht es etwas mit den Zuschauern. Ich finde es viel narzisstischer, wenn jemand mit einem Mercedes vor das Theater fährt und sich einen Ibsen über die Krise anschaut.

Was meinen Sie?
In Athen leben ja nicht nur arme Menschen. Hier gibt es auch die höchste Porsche-Dichte Europas. Das Geld deren Besitzer liegt nicht auf griechischen Kontos, sondern in der Schweiz. Diese Leute sehen sich dann opulent ausgestattete Stücke über die Krise an, im Privattheater der Onassis-Stiftung, in der eine riesige Innenwand mit Blattgold ausgekleidet ist.

Haben Sie Hoffnung, dass sich die Situation für Kulturschaffende demnächst bessern wird?
Es hängt auch von der deutschen Wahl ab, aber derzeit sieht es nicht so aus, als würde sich ab Sonntag etwas ändern. Solange Wolfgang Schäuble weiterhin das Sagen hat, wird es sich für die Griechen nicht zum Besseren wenden.

Wieder zurück nach Deutschland zu gehen, ist für Sie dennoch keine Option?
Nein. Es ist sicher nicht alles gut in Griechenland. Aber die Menschen hier gehen anders miteinander um. In Deutschland gibt es immer noch die Haltung: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen. Der Deutsche sagt, und die Welt gehorcht, das ist immer noch da. Natürlich wird sich ein Auschwitz nicht wiederholen, aber es gibt noch mehr Formen, die anderen zu gängeln. Das wird Deutschland nicht los.