Interview zu "Sehnsucht Suomi"


Das Festival »Off Europa« holt im 25. Jahrgang Finnland nach Leipzig und Dresden. Festivalleiter Knut Geißler erklärt im Interview mit dem Leipziger Stadtmagazin Kreuzer warum.

Was macht Finnland zum Sehnsuchtsort?
Knut Geißler: Für mich tauchen ständig neue Sehnsuchtsorte auf. Sehnsucht entsteht über Neugier. Ein Land, nicht sehr häufig im Fokus der Medien, dessen Theater- und Tanzkünstler in Mitteleuropa wenig präsent sind, ist es »Off Europa« wert, erforscht und präsentiert zu werden. Und dann sind sie da, die Gäste, die Künstler, und schärfen mit ihren Horizonten und Ausdrucksweisen ein zuvor noch vages Bild.

Schwerpunktmäßig habt Ihr euch bisher vor allem auf Südosteuropa konzentriert, wie kommt es, dass ihr euch jetzt Finnland widmet?
Knut Geißler: Für »Off Europa« waren immer Ränder von besonderem Interesse. Die Ränder einer üblichen Wahrnehmung, die des Kontinents, natürlich die Schnittstellen und Bruchkanten in der darstellenden Kunst. Das Festival ist eine Momentaufnahme, wunderbar ist, dass sich nie etwas wiederholt, alles beginnt mit jeder Hinwendung zu einem neuen Land von vorn. Im Moment sind wir bewusst sprunghaft unterwegs, von Kroatien über Finnland nach Griechenland im nächsten Jahr. Um in Polen 2018 und Israel 2019 wieder völlig andere Erkenntnisse zu gewinnen und diese hier zu präsentieren.

Wie habt ihr die thematische Auswahl getroffen? Entspricht der kritische, zeitgenössische Schwerpunkt – Vergewaltigung, globale Erwärmung etc. – dem, was in der finnischen Theaterlandschaft momentan üblich ist oder war das eine bewusste Auswahl?
Knut Geißler: Es gibt bei »Off Europa« kein Suchen unter bestimmten Vorzeichen. Diese Themen, die auf eigenem Erleben bzw. klaren ethischen Haltungen basieren, sind natürlich ein Glücksfall für das Programm. Ansonsten ist eine solche Festivalwoche eine Art Komposition, die sich aus Stilen und Thematiken, aus kleineren und größeren Arbeiten, aus Musik, Tanz, Theater und Film weitgehend selbst zusammenbaut.

Inwiefern spiegeln die Stücke das heutige Finnland wider, sind typisch für das Land oder brechen mit ihm?
Knut Geißler: Künstler sind zumeist scheue Wesen, Individualisten, die auf neue, ureigene Kreationen hinarbeiten. Insofern ist es doch nicht ein Land, sondern ein konkreter Künstler, eine Personengruppe, Konzepte und Ideen, die sich hier präsentieren werden. Deutlicher ist das mit den Ausgangspunkten künstlerischer Beschäftigung, den Details der Lebensumstände, den Arbeitsweisen – und da gibt es naturgemäß Unterschiede zwischen Finnland und Südosteuropa.

Welche Trends sind aktuell im finnischen Theater festzustellen?
Knut Geißler: Ich beschäftige mich wenig mit Trends, Moden, einem Hype. Etwas Bestimmtes dieser Art habe ich in Finnland nicht ausmachen können. Spuren finnischer Mentalität, geprägt von Lakonie, Selbstironie, Naturverbundenheit und Bodenständigkeit, lassen sich in vielen Arbeiten finden. Und es wird viel experimentiert in der Erforschung menschlicher Bewegung.

Warum ist es wichtig, finnischer Kultur in Deutschland eine Bühne zu bereiten?
Knut Geißler: Es sind ja keine einheitlichen Entwicklungen in Theater und Tanz, die sich in Europa beobachten lassen. Ich denke, es ist essentiell wichtig, neugierig zu sein, sich Einflüssen, Gedanken, Erkenntnissen von außen gegenüber offenzuhalten. Ob als einheimischer Künstler oder auch als Zuschauer.

Was ist dein persönliches Highlight des Festivals?
Knut Geißler: Mir sind alle Teile der »Komposition« gleichermaßen wichtig. »The Earth Song« und »Play Rape« sind charismatische Produktionen, es ist aber auch hochinteressant bei kleineren, stilleren Arbeiten wie »Writing Dancing« genau hinzusehen. Pasi Mäkelä & Sabotanik Garden sind ebenso schräg wie das Vertanzen verschiedener Nationalhymnen am letzten Festivaltag ungewöhnlich. Und es freut mich besonders, dass es in der Kinobar Prager Frühling und Cinémathèue sorgsam ausgewählte finnische Spielfilme und Dokumentationen geben wird.

Fragen: Jana Nowak.

Mapping Israel: Gespräch in der LVZ


Mit „Mapping Israel“ ist das diesjährige Off Europa-Festival überschrieben, welches heute Abend beginnt und für eine Woche ein üppiges Programm an Theater, Performance, Film und Musik, vor allem aber Tanz bereit hält. Und das einmal mehr nicht nur auf Leipziger Bühnen, sondern auch in Dresden und Chemnitz - und mit dem Fokus auf einem Land, dessen breite Wahrnehmung und Beurteilung in hohem Maße von politisch motivierten Emotionen und ideologischen Reflexen okkupiert ist. Dass es freilich auch anders, mithin differenzierter geht, zeigt jetzt „Mapping Israel“. Ein Gespräch mit Festivalleiter und Kurator Knut Geißler über Tanz, Politik, Schönheit und den unvoreingenommenen Blick.
Quelle: Leipziger Volkszeitung


Herr Geißler, Sie waren im Vorfeld zu Off Europa für drei längere Aufenthalte in Israel. Mit welcher Erwartungshaltung fährt man in so ein Land, zu dem ja jeder schon irgendwie eine Haltung zu haben scheint?
Knut Geißler: Ich muss sagen, ich war was Israel angeht vor allem neugierig und aufgeregt. Eine Erwartungshaltung in dem Sinne hatte ich tatsächlich nicht, bei keinem meiner Besuche dort. Hab ich aber auch sonst nie, wenn ich für Off Europa unterwegs bin. Mein Prinzip ist: Möglichst unvoreingenommen, mit offenen Augen und Ohren reisen und warten was passiert. Was einem begegnet, was man entdeckt. Wenn man das macht, schlägt Israel ziemlich zu.

Wo zuerst?
Knut Geißler: In Jerusalem, zur Jerusalem Dance Week. Die Ausstrahlungskraft dieser Stadt haut wahrscheinlich jeden Besucher zunächst um. Diese Ballung, auch an Konfrontation. Zwischen weltlich-religiös, ultraorthodox und liberal, jüdisch und arabisch, orientalisch und westlich. Und alles auf engstem Raum.

Spiegelt sich was von dieser konfrontativen Enge auch in den Arbeiten, die jetzt zum Festival zu sehen sind?
Knut Geißler: Ja. Wenn man etwa Tanzstücke wie „Rising“ oder „Habitat“ anschaut, lässt sich davon ganz klar etwas spüren. In „Habitat“ allein schon deshalb, weil die Tänzer Zuki Ringart und Uri Shafir gezielt Kontakt suchen, nah am Publikum agieren. „Rising“ wiederum ist eine Rückbesinnung auf kulturelle Wurzeln, im konkreten Fall auf die marokkanischen oder jemenitischen Einflüsse, die in Israel lange nicht wirklich wahrgenommen wurden.

Lange Zeit war Tanz in Israel ja eine vorrangig folkloristisch Angelegenheit der Traditionspflege. Inzwischen gehört das Land in punkto zeitgenössischem Tanz zur Weltspitze…
Knut Geißler: Es herrscht eine große Dynamik. Vor allem in der konsequenten Befragung des tänzerischen Körpers. Das hat was sehr vitales, packendes, manchmal was fast aggressives. Da spielt die gute Ausbildung mit hinein, die die Tänzerinnen und Tänzer in Israel bekommen - und an der sich wiederum der hohe Stellenwert zeigt den zeitgenössischer Tanz in dem Land hat.

Woher glauben Sie, rührt das?
Knut Geißler: Ich glaube, das hat dort wirklich was mit einer allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung zu tun, die damit begann, gezielt Fragen danach zu stellen, welche Identität man annimmt und wie man diese artikuliert. Über den Tanz lässt sich gut zeigen, was das meint: Denn wie ja schon gesagt - Tanz gab es in Israel über lange Zeit nur in einem vorrangig traditionell folkloristischen Kontext. Das hat sich stark geändert. Vor allem durch die Arbeit des Choreografen Ohad Naharin mit der Batsheva Dance Company. Da entstand eine völlig neue, heute in aller Welt gefeierte Bewegungssprache. Wie impulsgebend das war und ist, zeigt sich ja nicht zuletzt auch daran, wie viele interessante Künstler aus der Bathseva Dance Company bis heute hervorgehen. Wir starten das Festival also nicht umsonst mit „Mr. Gaga“, einem Dokumentarfilm über Ohad Naharin und seine Company.

Könnte diese Fixierung auf den Tanz auch eine Art Reaktion wider einer gerade ja im Jüdischen kulturell bedingten, extrem Identität konstituierenden „Oberhoheit“ des Wortes sein?
Knut Geißler: Das kann ich nicht beantworten. Aber ich habe eine Beobachtung gemacht- wenn man sich in Israel, zum Beispiel auf Festivals, mit Schriftstellern unterhält, merkt man sofort, die sind ganz klar und bewusst in ihren Vorstellungen und auch darin, wie sie die artikulieren. So, wie das auf ihre Art auch für die Tänzerinnen und Tänzer, für die Künstler überhaupt gilt. Und alle verstehen sich sehr stark als Israelis und Juden, diese Zusammengehörigkeit schwingt stets mit, wird stets mitgedacht. Wie kritisch auch immer.

Spielt da auch ein Bewusstsein von Stolz mit hinein?
Knut Geißler: Ich habe den Eindruck, die treffendere Kategorie ist eher ein Bewusstsein für Wehrhaftigkeit. Und ihre Notwendigkeit. Auch im Sinne eines selbstkritischen „Wir sind füreinander verantwortlich und wir müssen daran arbeiten, weniger Fehler zu machen.“ Das klingt zunächst seltsam wenn man zum Beispiel die Brutalität der Besatzungspolitik betrachtet, aber die Künstler sind eben nicht gleichzusetzen mit der Regierung.

Im Programmheft zum Festival ist von Ihnen der Satz zu lesen: Gute Kunst ist immer auch politisch. Wie explizit oder implizit zeigt sich das zu Mapping Israel?
Knut Geißler: Diese Festivalwoche zeichnet auf gewisse Weise auch meine Reise nach. Als all die Stationen dessen nämlich, was mir, wie ich eingangs schon sagte, dann in diesem Land passiert und begegnet ist; was es für mich dort zu entdecken gab. Wenn man so, will fängt das Festival explizit politisch an – und mündet am Ende in purer Schönheit.

Das Gespräch führte Steffen Georgi.

Open Hungary: Vorbericht in der LVZ


„Zwischen Griechenland und Israel liegt Ungarn. Zumindest was die Abfolge im traditionell auf einen Länderfokus ausgerichteten Off-Europa-Festival angeht, das in diesem Jahr mit „Open Hungary“ überschrieben ist und vom 21. bis 26 Mai stattfindet. Und dabei einmal mehr jeden wirklich Interessierten, der noch wirkliche Lust auf Theaterentdeckungen hat, in die jeweiligen Spielstätten locken sollte."

Vorbericht in der Leipziger Volkszeitung vom 18. Mai von Steffen Georgi.

Dass zu diesen Spielstätten nun nicht wie erhofft das neue LOFFT-Domizil auf der Baumwollspinnerei gehört, wo das Festival eigentlich eröffnet werden sollte, mag ein Wermutstropfen sein: „Das war eine schöne Idee, das hätte mir und dem LOFFT gut gefallen“ sagt dazu Knut Geißler, Kurator und künstlerischer Leiter des Off-Europa-Festivals. Aber die Spielstätte ist, wider allen Ankündigungen, eben noch Baustelle- und Geißler nicht wirklich überzeugt davon, dass das im nächsten Jahr (Länderfokus: Israel) wesentlich anders sein wird: „Ich sehe das LOFFT da noch nicht unbedingt an neuen Ort“ konstatiert Geißler lakonisch.
Dass nun der ohnehin eher peinliche Slogan vom Leipzig als dem „besseren Berlin“ vorrangig (und peinlicherweise) auf einschlägige Zeitverzögerungen bei städtischen Bauvorhaben zutrifft, soll hier und jetzt freilich kein Thema sein. Zumal für die zum Festival gezeigten Produktionen, die einen größeren, aufwendigeren Bühnenraum beanspruchen, Geißler einmal mehr das „Theater der jungen Welt“ gewinnen konnte: „Eine erfreulich gute Zusammenarbeit“ so Geißler.

Tanz Grace 4 by Daniel Domolky
Grace. Foto © Daniel Domolky

Im TdjW wird am 26. Mai das preisgekrönte Tanzstück „Grace“ zu erleben sein. Eine kraftvolle Inszenierung der Zerklüftungen zwischen Selbstzerstörung und Wiedergeburt; einer Neu- und Demontage auch des tänzerischen Ausdrucks und seiner Strukturen. Choreographin Adrienn Hód installiert in ihrem Stück den Zustand der Barmherzigkeit als Kreislauf zwischen Erhöhung und Absturz. Ein echtes Muss dieses Festivaldurchlaufs.
Allein schon wegen der thematischen Setzung spannend ist „Waiting for Schrödinger“; im Lofft (alter Standort natürlich) am 25. Mai zu sehen. Das so berühmte, wie irritierende Gedankenexperiment des Physikers Erwin Schrödinger („Schrödingers Katze“) offenbart sich hier als choreografisch- gruppendynamische Teilchenentfesselung zwischen Clownerie, Anarchie, Physik und Spaghetti-Western. Letzteres erklärtermaßen ebenfalls ein Bezugspunkt den Choreograf László Fülöp für seine Inszenierung ins Feld führt.
Nur zwei Beispiele aus einem Programm, das neben Theater, Tanz und Performance auch wieder mit einer Kinoschau und natürlich Diskussionsrunden aufwartet. In eine solche kann man sich gleich am Dienstag stürzen. Mit „Von Gewöhnung und Widerstand“ ist die überschrieben und findet im Anschluss einer Inszenierung statt, die den Titel „Ungarische Akazie“ trägt und sich damit auf ein Nationalsymbol des Landes bezieht.
Dass nun die Akazie generell zur Unterfamilie(!) der Mimosen(!)-Gewächse gehört und deren ungarische Variante eigentlich aus Nordamerika stammt, mag den Denkgestus der Inszenierung erahnen lassen: „Listig, witzig, poetisch und politisch pointiert“ nannte die eine Kritikerin. Schöne Steilvorlage für die anschließende Diskussionsrunde.
Auch angesichts jener Bestrebungen nach Deutungshoheiten, die ja wahrlich nicht nur in Ungarn grassieren. Geißler: „Die Vorstellungen einer bestimmten politischen Klientel, wie die Kunst oder die Nation und in Folge eine sogenannte nationale Kunst zu sein hat und wie nicht, ist nichts, was die Künstler interessiert. Und mich auch nicht.“
Natürlich formuliert sich darin auch ein Credo des Festivals: die Selbstbehauptung des individuellen Ausdrucks gegen jedwede Indoktrination. Und sei es die des Zeitgeistes. Es ist das Suchen nach einer künstlerischen Autonomie die ja auch eine Autonomie des Künstlers, des Individuums ist, die „Off Europa“ seit jeher auszeichnet. Bei „Open Hungary“ wird das nicht anders sein.

Open Hungary: Interview im Kreuzer 5/2018


Fragen von Jana Nowak und Antworten von Knut Geißler für ein Interview im Heft 5/2018 im Leipziger Kreuzer.

Nach Griechenland steht nun Ungarn im Zentrum – wieso haben Sie sich für dieses Land entschieden?
Knut Geißler: Ich hatte Ungarn, genauso wie zuvor Griechenland, eine Zeit lang vor mir her geschoben. Ich wollte mich sozusagen nicht reflexhaft darauf stürzen. Politische Entwicklungen gehen an den Künsten nicht spurlos vorbei - und manchmal ist es sinnvoll, etwas abzuwarten. Das politische Moment an Off Europa ist am Ehesten, dass es Beschäftigung mit etwas einleitet, dass ein Raum entsteht, der Begegnungen mit einem Land, einer bestimmten Situation, mit Künstlern ermöglicht.

Wie steht es um die Theaterschaffenden in Ungarn? Und im Hinblick darauf, dass fünf von sieben der geladenen Produktionen von Frauen stammen – wie ist es als Theatermacherin dort zu arbeiten?
Knut Geißler: Die Regierung Orbán, und ihre Kulturpolitik, ist auch für Ungarn, die diese ablehnen, nun mal Realität. Es gab viel versuchte Einflussnahme, auf Orte, über neu eingesetzte Personen, und auf der anderen Seite gab es natürlich Widerstand. Eine ganze Generation Theatermacher hat sich an diesen Umständen abgearbeitet, im Moment ist es etwas ruhiger geworden. Die ungarischen Stadttheater stehen natürlich unter deutlich größerem Druck, unter anderer Beobachtung als Künstler, die in freien Konstellationen arbeiten. In diesem Bereich, der überschaubar ist und für eine Regierung wohl auch nicht sonderlich gefährlich, war formal und inhaltlich schon immer mehr möglich. Wie auch diese starken Frauen. Nach denen ich nicht explizit gesucht hatte. Wahrscheinlich ist ein weiblicher Blick auf eine sich „männlich“ gebärdende Gesellschaft immer interessant und ergiebig. Das war bei Off Europa 2012 im Falle der Türkei ähnlich zu beobachten.

Welche Erfahrungen werden in den Arbeiten thematisiert?
Knut Geißler: Die Inszenierung „Magyar akác“ (Ungarische Akazie) zum Beispiel ist hoch politisch, eine Theaterarbeit, die klug und frech und böse mit den Widersprüchen ungarischer Gegenwart spielt. Oder Valencia James, die als farbige Frau, als in Ungarn „fremd“ empfundener Körper, diese Ablehnung thematisiert. Die Choreographin Adrienn Hód dagegen verweigert sich einer Beschreibung von äußeren Umständen in ihren Arbeiten komplett und zeigt ihre Tänzer als entfesselt, entgrenzt handelnde Individuen.

Wollen Sie ein Bewusstsein schaffen für eine andere Seite Ungarns?
Knut Geißler: Mich interessieren Kulturräume. In diesem Sinne wäre es auch möglich gewesen, Ungarn aus der Slowakei oder Ungarn aus Rumänien mit in das Programm zu nehmen. Aber Ihre Frage weist in die entscheidende Richtung: Ich wollte eben jenen politisch etwas verfemten Staat Ungarn näher beleuchten. Über Menschen, die ihn auf eine andere, auf ihre Weise repräsentieren. Das heißt nicht, dass Politik dadurch ausgeblendet sein wird. Es wird viel zu erfahren sein, es lässt sich vieles hören und manches sehen. Und es wird jederzeit möglich sein, nachzufragen.

Nach welchen Kriterien haben Sie das Festival kuratiert? Gab es besondere Schwerpunkte?
Knut Geißler: Niemand kann ein Experte für dutzende von Ländern sein. Kuratieren ist so ein Angeberbegriff, ich sehe mich eher als Programmmacher. Im besten Fall kann ich Interesse wecken und Angebote schaffen. Ich bin schlicht neugierig und beharrlich, und versuche bei meinen Recherchen offen zu sein. Ich möchte lernen, entdecken - und diese Entdeckungen teilen. Ich glaube an gute, mutige, interessante Künstler und ihre Arbeiten. Und an ein Publikum das sich für sie interessiert.

26 Jahre Off Europa, 16 Länderschwerpunkte – worauf blicken Sie zurück?
Knut Geißler: Zuletzt waren es zehn Länderschwerpunkte hintereinander, das ist schon ziemlicher Wahnsinn. Von einem Sehnsuchtsland sofort hinein in den nächsten Tunnelblick. Ich bin sehr froh, dass sich die Szene der zeitgenössischen darstellenden Kunst, mit Live Art und Autorentheater, Performance und Tanz im internationalen Maßstab in den letzten Jahren so stark entwickeln konnte, dass Vernetzung und Austausch gut funktionieren. Und dass wir mit diesem speziellen Festival auf dieser Landkarte weiterhin vorkommen.

Interview im Magazin "Dresdner"


Material zu einem Interview mit Festivalleiter Knut Geißler für das Stadtmagazin "Dresdner".

Sind Sie der alleinige Organisator des Festivals? Obliegt Ihnen die Auswahl und Koordination der Beiträge?
Knut Geißler: Veranstalter von Off Europa ist das Büro für Off-Theater, dessen Geschäftsführer ich bin. Meine Hauptarbeit ist das Festival. Natürlich gibt es ein paar Personen im Umfeld, Berater, Ideengeber, und ein paar Mitarbeiter in den Tagen der Durchführung, aber im Wesentlichen arbeite ich allein. Entscheide über die Ausrichtung, reise, wähle aus und organisiere.

Monocrossing female dancer by Iosif Astrukov
Foto aus Monocrossing, am 24. September im Societaetstheater © Iosif Astrukov

Was ist für Sie das Besondere an der bulgarischen Theater-/Film-/Performancekunst? Was unterscheidet also das Off Europa dieses Jahr von den vergangenen Jahren...
Knut Geißler: Bulgarien ist natürlich anders als die Türkei oder die Slowakei. Die Bedingungen, die Art der Zusammenarbeit, die Themen mit denen Künstler sich beschäftigen. Meine Arbeit, besondere Qualitäten, die interessantesten Künstler aufzuspüren, beginnt unter neuen Vorzeichen jedes Jahr von vorn, ist ein tiefes Eintauchen in einen fremden Kosmos. Prinzipiell aber gibt es wenig Unterschiede zu anderen Ländern der Region, oder zwischen Städten wie Sofia, Bukarest oder Belgrad. Man kennt sich, trifft sich bei vielen Gelegenheiten, ist gut vernetzt. Es gibt viel Bewegung weil ständig Leute ins Ausland wechseln oder von dort nach Bulgarien zurück kehren. Das mischt die Konstellationen permanent. Und hält durch vielfältigste Einflüsse die Qualität hoch. Man hat weniger Geld als in Mitteleuropa, klar, muss also etwas mehr improvisieren. Aber gerade das atmet große Freiheit. Und hilft oft eine andere Art von Selbstbewusstsein und Persönlichkeit zu entwickeln.

Gibt es im Programm thematisch einen „roten Faden", oder ein Kriterium, nach dem in diesem Jahr die Beiträge ausgewählt wurden?
Knut Geißler: Ein solches Programm in einer Bandbreite von experimentellem Tanz bis Dokumentarfilm balanciert sich durch die Auswahl komischerweise beinahe von selbst aus. Weil man natürlich nichts einlädt was nicht zeigenswert wäre. Die Auswahl ist eine Abwägung: Was ist auffällig, was kann etwas erzählen, zeigt etwas über das Land, die Umstände dort? Was davon ist außerhalb Bulgariens nachempfindbar? Auch weil es bei mancher Produktion Sprach- oder Verständigungsbarrieren gibt oder sie zum ersten Mal nach Westeuropa reist. Das geht bis hin zu Unterschieden in der Rezeption in Leipzig und Dresden. In Dresden haben wir sechs Tage Programm. Und neben Gesprächen, Musik und Filmabend sechs Aufführungen an Theater, Tanz, Performance.

Was sind Ihre persönlichen Highlights unter den Darbietungen? Haben Sie besondere Empfehlungen?
Knut Geißler: Da sind meine Vorlieben sicher nicht entscheidend. Zuschauer sollten sich am Ehesten an den Genres orientieren. Als Soloperformer immer interessant, anregend und provokant ist Ivo Dimchev. Für Liebhaber reinen Tanzes empfiehlt sich „Monocrossing“ von Derida Dance. Eher experimentell, aber auch augenzwinkernd sind die Aufführungen der Teams von Irina Goleva und Willy Prager. Über Menschen im heutigen Bulgarien erzählt am meisten das Dokumentartheater von Vox Populi.

Wie würden Sie das Ziel Ihres Festivals definieren? Was soll dem Zuschauer vermittelt/in ihm bewegt werden?
Knut Geißler: Im Mittelpunkt stehen zunächst die Länder. Über die im Detail nur wenige Leute etwas wissen und über die bei uns wenig zu erfahren ist. Und die Künstler dort, die durch oft oberflächlich operierende internationale Gastspiel-Netzwerke kaum Chancen haben entdeckt oder auch nur wahrgenommen zu werden. Es ist mir wichtig, dass diese Künstler eine Möglichkeit bekommen sich in Mitteleuropa zu zeigen. Das geht immer etwas unter, aber wir, also Off Europa und damit Leipzig und Dresden, waren in vielen Fällen eine Art Sprungbrett oder Katalysator für internationale Beachtung. Dass eine solche Präsentation gleichermaßen interessant für einheimische Theaterschaffende und Zuschauer ist liegt auf der Hand. Wir reden von sehr gut ausgebildeten, selbstbewussten Künstlern aus größeren Städten als Leipzig und Dresden.

Gibt es in Dresden etwas zu sehen, was in Leipzig nicht aufgeführt wird?
Knut Geißler: Das Programm in Dresden ist zumeist ein wenig kleiner, allein schon weil wir in Leipzig mit zwei Filmkunsthäusern zusammenarbeiten. Eines davon gestaltet einen Abend mit Filmen aus Bulgarien in eigener Verantwortung und Regie. Diese Filme wird es in Dresden nicht geben. Eine Vorstellung immerhin gibt es in Dresden exklusiv: Der Performer Ivo Dimchev reaktiviert für das Societaetstheater sein autobiographisches Stück „Som Faves“. Das wurde vor beeindrucktem Publikum vor einigen Jahren bei der Leipziger „euro-scene“ gezeigt. Für Dresden holen wir das jetzt quasi nach.

Würden Sie sagen, dass das Dresdner Publikum aufgeschlossen gegenüber der osteuropäischen Kunst ist oder gibt es da Nachholbedarf? Gab es einen besonderen Grund oder Anlass, das Festival 2008 auch auf Dresden auszudehnen?
Knut Geißler: In Leipzig ist Off Europa etabliert. Das heißt die Leute reagieren zuverlässig darauf. Und die Hauptspielstätte LOFFT ist ein anerkannt guter Ort für diese Art von zeitgenössischer Kunst. Auch wenn natürlich nicht jeder, der Interesse an beispielsweise Georgien hat, nach drei Jahren zu einer Tanzperformance aus Bosnien wiederkommt. Auf Dresden auszudehnen war ein alter Wunsch. Die Arbeit wurde etwas nachhaltiger. Schließlich bedeutet es einen gewissen Aufwand eine Karawane von etwa 40, 50 Künstlern in Bewegung zu setzen. Mittlerweile haben die Künstler mehrere Auftritte. Auch schon in Chemnitz wenn es sich anbot. Die Neugier in Dresden war in den ersten Jahren erfreulich groß. Das hatte zuletzt leider etwas nachgelassen. Vielleicht wird Off Europa in Dresden immer noch etwas als Fremdkörper wahrgenommen. Ein ganzes Festival zu Gast, das bedeutet vielleicht auch ein Vermittlungsproblem, aber ich denke Off Europa ist seit 2008 eine große Bereicherung für den Theateralltag in der Stadt. Einer Stadt, die traditionell eine besser entwickelte Beziehung zu Osteuropa hat als zum Beispiel Leipzig.

Die Fragen stellte Willy Barthold.

Im Kreuzer im September


Fragen von Mathilde Lehmann und Antworten von Knut Geißler im Zusammenhang mit einem Artikel im Septemberheft des Leipziger Kreuzer.

Jedes Jahr wird bei Off Europa freie darstellende Kunst aus einem anderen Land Europas vorgestellt. Dieses Jahr ist das Thema: Discover Bulgaria. Wie kam es dazu?
Knut Geißler: Bulgarien stand schon lange auf der Liste. Bei der Balkan-Tanz-Plattform 2007 in Athen waren Bulgaren wahrscheinlich nicht nur für mich eine Offenbarung; die formbewusstesten, kräftigsten Performer. Der Mut von Künstlern wie Ivo Dimchev oder Krassen Krastev, die formale Strenge von Galina Borissova haben Maßstäbe gesetzt. So etwas verfolge ich. Und lerne gern auch die kennen, die an so etwas anknüpfen.

Plakatmotiv Off Europa 2014 beschnitten
Ausschnitt aus dem Plakat. Foto: Boriana Pandova. Gestaltung: Gabi Altevers

Mit welchen Kriterien entscheiden Sie über die Auswahl der Produktionen, die zu sehen sein werden? Welche ästhetischen Schwerpunkte werden gesetzt?
Knut Geißler: Das hat viel mit Balance zu tun. In einer Bandbreite zwischen experimentellem Tanz und Dokumentarfilm. Was ich dann auswähle ist vor allem eine Abwägung: Was ist auffällig, was kann etwas erzählen, zeigt etwas über das Land, die dortigen Umstände? Was davon ist nachempfindbar? Auch weil es bei mancher Produktion Sprach- oder Verständigungsbarrieren gibt oder sie zum ersten Mal nach Westeuropa reist. Das geht bis hin zu Unterschieden in der Rezeption in Leipzig und Dresden. In Leipzig so meine Empfindung ist das Publikum in den letzten Jahren wieder neugieriger geworden.

Wie organisiert sich Theater in Bulgarien - Stadttheater, freie Szene, kann mit unseren Begriffen überhaupt analog hantiert werden?
Knut Geißler: Das ist genauso getrennt, also sehr ähnlich. Einschließlich einiger „Nischen“ an Stadttheatern wie der hiesigen „Residenz“ in der Spinnerei, wo versucht wird das Publikum etwas zu verjüngen oder „Hippness“ anzutäuschen. Der große Unterschied ist, dass in (Süd)Ost-Europa das Freie Theater oft als das zeitgenössische oder gar das „Neue Theater“ bezeichnet wird. Da gibt es trotz schlechter Arbeitsbedingungen viel Selbstbewusstsein. Ich rede natürlich von großen Städten, größer als Leipzig und von gut ausgebildeten Künstlern.

Können Sie einen Vergleich anstellen zwischen zeitgenössischem Tanz in Bulgarien und woanders? Gibt es denn, wenn, eine Tendenz (formal oder inhaltlich) vor Ort?
Knut Geißler: Noch deutlicher als hier sammeln sich die Unruhegeister, die Charismatiker in den Hauptstädten. Und da gibt es wenig Unterschiede zwischen Sofia, Bukarest oder Belgrad. Es ist ein Kommen und Gehen, viele Künstler arbeiten zeitweise im Ausland, so dass alles nicht wesentlich anders funktioniert oder aussieht als in Westeuropa. Man hat weniger Geld, klar, muss also etwas mehr improvisieren, vielleicht. Aber gerade das atmet große Freiheit.

Gönnen Sie mir einen Ausblick - welche Länder würden Sie gerne als nächstes dem Publikum in Leipzig und Dresden Zugang verschaffen und warum?
Knut Geißler: Ich habe mich gerade von der Idee Ukraine verabschiedet. Der nächste Stop wird Kroatien sein. Für MANöVER/Off Europa das letzte unentdeckte Stück Ex-Jugoslawien, weil das künstlerisch bisher am wenigsten auffällige. Die Gründe sind immer die gleichen: Neugier auf Menschen und ihre (Arbeits)Umstände. Und Hoffnung auf interessantes Theater.

Die Fragen stellte die Autorin Mathilde Lehmann im Juli 2014.

Interview für den Leipziger Kreuzer


Antworten auf Fragen von Torben Ibs an Knut Geißler im Zusammenhang mit einem Artikel im Septemberheft des Leipziger Kreuzer...

Was treibt dich an, jedes Jahr durch entlegene Regionen zu ziehen, um Theater zu schauen?
Knut Geißler: So entlegen ist das ja meistens gar nicht. Mir geht es darum eine Balance zu finden, nicht nur für das Festival, auch für mich selbst. Natürlich trieb mich die Neugier nach Albanien, in das Kosovo oder vor zehn Jahren nach Serbien. Aber ebenso möchte ich das wenig bekannte Naheliegende entdecken wie demnächst die Slowakei oder vor zwei Jahren die Tschechische Republik. Damals hatte ich im Programmheft geschrieben dass es bei wirklichem Interesse an darstellender Kunst nicht immer Berlin sein muss. Großartiges Theater, jede Menge guten Tanz findet man praktisch um die Ecke auch in Prag.
Abgesehen davon macht es Spaß, einmal im Jahr eine Art theatrales National-Team präsentieren zu können.

Stanica 2
Stanica 2, ein Theaterneubau aus Bierkisten, Stroh und Lehm im slowakischen Žilina.

Was war dein skurrilstes Erlebnis, deine seltsamste Performance, der ungewöhnlichste Ort?
Knut Geißler: Einer der schönsten Momente war 1999 als die Techniker eines rumänischen Stadttheaters auf dem Gelände von KAOS in Lindenau in zwei Tagen eine Art Arche gebaut haben. Jeden Nagel, jedes Stück Draht hatten die dabei. Bei der dritten Aufführung waren so viele Zuschauer an Bord, dass die schwimmende Bühne beinahe untergegangen wäre. Gefunden hatten wir die Inszenierung in einem früheren Ceauşescu-Refugium am Rande der Ostkarpaten wo Zimmermädchen und Köche für den Regierungschef permanent in Bereitschaft waren, er aber der Legende zu Folge niemals dort auftauchte.

Welches Land, das jetzt nicht in den klassischen Rahmen fällt, würdest du gerne mal besuchen und zu „Off Europa“ holen?
Knut Geißler: Ich will nicht so weit gehen zu behaupten dass mir das Land egal ist. Aber ich mag vor allem den Vorgang der Tiefenforschung. Bei fast „null“ anzufangen und dann Schritt für Schritt Leute, Orte, Rahmenbedingungen, Inszenierungen kennenzulernen. Europa muss ich dabei nicht verlassen. Da warten noch Länder wie die Ukraine oder Weißrussland. Aber solch eine Recherche riecht nach anderthalb bis zwei Jahren. Und die habe ich - allein, mit stark begrenztem Budget – eigentlich nicht.

Was für ein Theater gefällt dir in Deutschland?
Knut Geißler: Es gab ja in einundzwanzig Jahren MANöVER / Off Europa immerhin fünf deutsche Ausgaben. Und da erschienen Künstler wie Stefan Pucher, Albrecht Hirche, Sebastian Hartmann oder „She She Pop“ Jahre bevor sie richtig bekannt wurden. Im Moment fehlt mir für Theater aus Deutschland jegliche Leidenschaft. Das Festival hat ja nicht ohne Grund seinen Namen geändert. Mich interessiert nicht was man überall kriegen kann, sondern das, was man findet wenn man sucht. Im Off, am Rand. Und ich weiß nicht, ob es in Deutschland so etwas Kraftvolles gibt wie Belgrads „Plavo pozorište“, etwas schräg Verspieltes wie Handa Gote aus Prag oder um auf dieses Jahr zu kommen so etwas Intensives wie Çağlar Yiğitoğulları oder „oyun deposu“ aus Istanbul.

Wenn du nicht gerade Festivals planst, was sind deine Hobbys und Betätigungen?
Knut Geißler: Ich plane immer Festivals. Scheint Arbeit, Leben und Hobby zu sein. Aber nein. Ich würde gern auch wieder inszenieren. Wieder mal nach Bosnien fahren. Und mit einem Kajak auf rumänischen Flüssen.

Mit welcher Theatergruppe warst du damals mit dem Stück „Rattenjagd“ auf Tour?
Knut Geißler: Das war in einem anderen Land. Lassen wir sie ruhen, die abgespielten Theaterstücke.

Die Fragen stellte Kreuzer-Autor Torben Ibs im August 2012.

Mich langweilt diese ständige Gier nach Erneuerung


Sein Fokus liegt auf östlichen Mitteleuropa sowie auf Südosteuropa. Dort gibt es spannendes Tanz- und Szenetheater. Der Leipziger Autor und Regisseur Knut Geißler veranstaltet seit 1992 jenes Tanztheaterfestival, das seit 2005 "Off Europa" heißt. Im L-IZ-Interview erzählt er wie sein Blick auf Albanien und Kosovo fiel und was er dort vorfand.

„Off Europa“ steht bald ins Haus mit einem Blick auf Albanien und Kosovo. Warum diese beiden Länder?
Knut Geißler: Prinzipiell gibt es sehr viele Länder, die mich brennend interessieren. Weil man im Normalfall wenig über sie erfährt. Da gerät logischerweise irgendwann auch Albanien in den Blick. Andererseits: Was Theater und Tanz betrifft, versuche ich früher da zu sein als die großen Veranstalter, die Künstler immer erst einladen wenn sie „geprüft“ sind und Erfolg versprechen. Ich prüfe lieber selbst. Im nächsten Jahr werde ich mit der Türkei zum ersten Mal einem aktuellen Hype hinterher recherchieren. Aber auch das wird interessant. Dann findet man die Dinge unter den Oberflächen. Politisch brisant wäre im Moment wohl Ungarn. Aber man kann sich nicht zerreißen.

Gibt es Unterschiede zu den anderen Staaten, die schon thematisch bei „Off Europa“ auftauchten?
Knut Geißler: Albanien und vor allem das Kosovo sind noch mehr „abgetrennt“ vom restlichen Europa als zum Beispiel Bosnien oder Serbien. Eine Folge der besonders extremen Auslegung des Sozialismus in Albanien und der letztlich „künstlichen“ Einbettung eines überwiegend von Albanern besiedelten Landstriches in die südslawische Föderation. Allein wenn man das so betrachtet ist die Loslösung und Unabhängigkeit des Kosovo folgerichtig. Genauso wie das Ausschließen einer albanischen Wiedervereinigung Unsinn ist.

Wie schätzt Du die (Tanz)-Theaterszene in Albanien und Kosovo persönlich ein - gibt es dort Entwicklungen, die neu oder anders sind als die im übrigen Europa?
Knut Geißler: Mich langweilt diese ständige Gier nach Erneuerung. Mich interessiert eher Vertiefung, das genauere Hinsehen. Und da gefällt mir die Gelassenheit, mit der man fast überall in Süd-Ost-Europa eigene Wege geht. Nichts unbedingt Neues erfindet, aber eben auch nicht jedem Trend hinterher hechelt.

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Die Fragen stellte Daniel Thalheim.
Quelle: www.l-iz.de